Philosophie an der HGB

Wozu ist Philosophie gut? Verbessert sie die Berufschancen? Poliert sie das eigene Image auf? Lehrt sie besser reden, sich besser verkaufen? Für alles das ist sie, wenn sie ernsthaft betrieben wird, eher störend als nützlich. Für die alltägliche Lebensbewältigung drängt sie sich nirgends auf. Zunächst einmal ist Philosophie für gar nichts gut, und das ist gerade das Gute an ihr. Denn das menschliche Leben geht darin, für etwas gut zu sein, einem Zweck zu dienen, nun einmal nicht auf. Wozu sind Wohlbefinden, Krankheit, Liebe, Musik, Kunst gut? Schon die Frage ist schief, und wem vor Leonardos Mona Lisa oder bei Mozarts Zauberflöte keine andere einfällt, dem fehlt eine ganze Dimension des Lebens. Nur Maschinen gehen darin auf, für etwas gut zu sein. Philosophie besteht darin, das maschinenmäßig in die scheinbaren und wirklichen Selbstverständlichkeiten, Gewohnheiten und Zwänge des Alltags eingefahrene Leben zur Selbstbesinnung zu bringen. Ihre kürzeste Definition könnte sein: Sich bewußt werden, was man tut. Z.B.: Was tut man eigentlich, wenn man als Künstler den Pinsel in die Hand nimmt, als Staatsbürger wählen geht, als Lehrer Kinder erzieht, als Deutscher Haß auf Ausländer hat, als Mitglied einer Gemeinde eine Religion ausübt, als vernunftbegabtes Wesen den Mund zu sprachlicher Verständigung öffnet oder seine Körperkräfte zur Naturbeherrschung in Bewegung setzt? Was hat man da schon alles vorausgesetzt, ohne es zu merken? Haben diese Voraussetzungen Sinn und Verstand?
Selbstbesinnung tritt gleichsam einen Schritt zurück, nimmt einen gewissen Abstand von der Realität, aber nur so viel, wie nötig ist, um sich von ihrer Oberfläche nicht blenden zu lassen und zu sehen, was hinter und unter ihr vorgeht. Um den Blick dafür zu bekommen, bedarf es eines gewissen Handwerkszeugs. Selbstbesinnung fängt nie von Null an, sondern hat, ähnlich wie Kunst und Technik, ihr geschichtlich gewachsenes Instrumentarium, das zwar ständig zu revidieren ist, wenn es auf die aktuelle Situation passen soll, aber nie noch einmal von Anfang an zu erfinden. Selbstbesinnung ohne ihre eigene Geschichte wäre besinnungslos, Philosophie ohne Philosophiegeschichte unsinnig.
Je funktionaler die moderne Gesellschaft, desto überflüssiger ist Selbstbesinnung für ihr Funktionieren. Aber dieses Funktionieren gerät sich selbst zunehmend in die Quere: ist immer mehr bedroht vom ökonomischen und ökologischen Kollaps und stellt gleichsam selbst die Frage, was das eigentlich für eine Gesellschaft ist, die sich bei Strafe des Untergangs zum Wachstum verdammt hat, die durch ihre Eigendynamik ihre natürlichen Lebensgrundlagen zerstört, die die Daseinsberechtigung ihrer Mitglieder durch Kauf und Verkauf definiert? Diese Frage aber zeigt an, daß Selbstbesinnung heutzutage nicht nur das Überflüssigste ist, sondern in gewisser Weise auch das Notwendigste. Nur wenn man sich bewußt macht, wohin der Gesellschaftsprozeß tendiert, nämlich in Richtung auf einen Gesamtkollaps, von dem die täglich über den Bildschirm flimmernden Katastrophen nur die Vorboten sind, nur wenn man bereit ist, sich die Scheuklappen über diese Grundrichtung der Entwicklung abzureißen, kann die Richtung sich ändern.
Kunst ist genauso überflüssig und notwendig wie Philosophie. Man braucht sie nicht für das Funktionieren des Alltags, und sie ist zugleich unerläßlich als humaner Ausdruck, der dem bloßen Funktionieren nicht das letzte Wort lassen will. Kunst ist sinnlicher Reflex der Wirklichkeit, von der Philosophie begriffliche Reflexion ist. Die Dynamik der bildüberfluteten high-tech-Gesellschaft führt freilich dahin, daß Reflex und Reflexion immer mehr ineinander übergehen. Kunst muß sich erklären. Weniger denn je verstehen sich ihre Werke von selbst, weniger denn je sprechen sie für sich; weniger denn je weiß Kunst, was sie ist. So drängt sie von sich aus zur gedanklichen Reflexion, zum Text. Philosophie hingegen muß sich darstellen. Ihre gedankliche Reflexion muß Fleisch, Farbe, Plastizität bekommen, wenn sie in der Bildflut nicht untergehen will. So drängt sie zur sinnlichen Manifestation. Die an der Hochschule für Grafik und Buchkunst gelehrte Philosophie versteht sich als Chance, die aktuelle Wechselbewegung zwischen Reflex und Reflexion der Wirklichkeit produktiv aufzunehmen: als Beitrag ebenso zur Selbstverständigung der Künstler wie zur wechselseitigen Erhellung von Kunst und Philosophie zum Vorteil beider.